Kinder & Jugendliche

Der Setting-Ansatz

Veröffentlicht am Aktualisiert am Redaktion Resilienzkurse.de

Resilienzförderung wirkt nachhaltiger, wenn sie nicht das Kind allein, sondern das gesamte Umfeld gestaltet. Was der Setting-Ansatz bedeutet und wie er funktioniert.

Was ist der Setting-Ansatz?

Die WHO definierte 1986 in der Ottawa-Charta Gesundheitsförderung als Aufgabe, die dort ansetzt, wo Menschen leben, lernen und arbeiten, in den Settings des Alltags. Der Setting-Ansatz überträgt dieses Prinzip auf die Resilienzförderung: Nicht das Kind als Zielgruppe steht im Mittelpunkt, sondern die Organisation als Ort, in dem Resilienz als Alltagspraxis verankert wird.

Klaus Fröhlich-Gildhoff und Maike Rönnau-Böse entwickelten ein deutschsprachiges Modell der Resilienzförderung im Kita-Setting, das diesen Ansatz konsequent umsetzt: Resilienzförderung ist nicht ein Programm, das gelegentlich läuft, sie ist eingebettet in Strukturen, Haltungen und Alltagsroutinen.

Individuum vs. Setting

Individuelle Trainings haben messbare Effekte, aber diese verpuffen, wenn das Kind nach dem Training in dasselbe resilienzfeindliche Umfeld zurückkehrt. Der Setting-Ansatz verändert das Umfeld selbst und schafft so dauerhafte Wirkbedingungen.

Vier Ebenen systemischer Resilienzförderung

Das Modell nach Fröhlich-Gildhoff (2013) beschreibt vier ineinandergreifende Ebenen, auf denen der Setting-Ansatz ansetzt.

Ebene 1

Kind / Jugendlicher

Die individuelle Ebene umfasst die direkten Förderangebote für das Kind: Kompetenztrainings, Stärkenentwicklung, Problemlösestrategien. Diese Maßnahmen sind wirksam, aber nur dann nachhaltig, wenn die anderen Ebenen sie tragen.

Soziale KompetenzgruppenGefühlsbarometer und EmotionsarbeitSelbstwirksamkeitsförderung im Alltag
Ebene 2

Fachkräfte

Fachkräfte sind der entscheidende Hebel des Setting-Ansatzes. Ihre Haltung, ressourcenorientiert, bindungsfördernd, traumasensibel, prägt das Klima einer Einrichtung stärker als jedes Programm. Qualifikation, Supervision und Selbstfürsorge sind institutionelle Aufgabe.

Fortbildung in ResilienzförderungSupervision und FallreflexionSelbstfürsorge als Systemaufgabe
Ebene 3

Institution

Die Organisationsebene betrifft Strukturen, Regeln, Rituale und die Führungskultur einer Einrichtung. Eine resilienzsensible Organisation hat klare Werte, ermöglicht Partizipation aller Beteiligten und sieht Fehler als Lernchance, auch institutionell.

Partizipative TeamkulturQualitätsentwicklung und FehlerkulturTransparente Kommunikationsstrukturen
Ebene 4

Sozialraum & Familie

Kita und Schule können nur so viel wirken, wie es die Einbindung in den Sozialraum erlaubt. Die vierte Ebene umfasst die Vernetzung mit Familien, anderen Einrichtungen und dem Gemeinwesen. Resilienzförderung, die an der Einrichtungstür endet, halbiert ihre Wirkung.

Elternarbeit als PartnerschaftNetzwerke mit Beratungsstellen und JugendhilfeSozialraumorientierte Angebote
Vier Ebenen systemischer Resilienzförderung

Ebene 4Sozialraum und Familie

Das Umfeld, in dem all das stattfindet

Ebene 3Institution

Kultur, Strukturen und Leitung von Kita, Schule oder Jugendhilfe

Ebene 2Fachkräfte

Haltung, Qualifizierung und Entlastung derer, die täglich mit dem Kind arbeiten

Ebene 1Kind und Jugendlicher

Direkte Förderangebote: Kompetenztrainings, Stärkenarbeit, Problemlösestrategien

Die oberste Ebene ist die sichtbarste und allein die schwächste. Kompetenztrainings für Kinder wirken nur dann nachhaltig, wenn die drei Ebenen darunter sie tragen.

Synergieeffekte: Mehr als die Summe der Teile

Der entscheidende Mehrwert des Setting-Ansatzes liegt in den Wechselwirkungen zwischen den Ebenen. Wenn alle vier Ebenen zusammenwirken, entstehen Synergien, die keine Ebene allein erzeugen kann.

Synergie-Matrix

Kind + Fachkraft

Beziehungsbasierte Förderung, Kompetenzentwicklung findet in sicherer Bindung statt und ist damit nachhaltiger.

Fachkraft + Institution

Kultivierte Haltung, wenn Einrichtungskultur resilienzorientierte Haltung fördert, ist diese für Fachkräfte tragfähiger.

Kind + Sozialraum

Transfer, das Kind erlebt Resilienzförderung als Lebensrealität, nicht als Sonderprogramm.

Alle vier Ebenen

Ökosystemische Wirkung, Resilienz wird zur Alltagspraxis in der gesamten Lebenswelt des Kindes.

Evaluationsbefund: Studien zu Setting-basierten Resilienzprogrammen (u. a. ReWiKs) zeigen stärkere und nachhaltigere Effekte als Einzelprogramme, insbesondere dann, wenn alle vier Ebenen aktiv gestaltet werden.

Umsetzung: Wie Setting-Ansatz in der Praxis gelingt

Der Setting-Ansatz ist kein fertiges Programm zum Ausrollen. Er ist ein Entwicklungsprozess, der institutionelles Engagement, Zeit und Begleitung erfordert.

PhaseAufgabeBeteiligte
AnalyseStärken und Entwicklungsbedarfe auf allen vier Ebenen erhebenLeitung, Team, Eltern
ZielsetzungKonkrete, evaluierbare Resilienz-Ziele pro Ebene formulierenSteuerungsgruppe
MaßnahmenplanungMaßnahmen auf jeder Ebene identifizieren und priorisierenGesamtes Team
UmsetzungSchrittweise Implementierung mit klaren VerantwortlichkeitenTeam, externe Begleitung
EvaluationWirkung messen, reflektieren, anpassenLeitung, Qualitätsteam

Erfolgsfaktoren

  • Leitungskommittent ist nicht verhandelbar
  • Externe Begleitung in der Startphase
  • Kleine, konkrete Schritte statt Gesamttransformation
  • Fortschritte sichtbar machen und feiern
  • Alle Ebenen gleichzeitig, nicht sequenziell
  • Regelmäßige Reflexion im Team verankern

Häufige Fragen

Was ist der Setting-Ansatz?
Der Setting-Ansatz überträgt Gesundheits- und Resilienzförderung vom Individuum auf das System. Statt einzelne Kinder zu trainieren, werden Kita, Schule oder Jugendhilfeeinrichtung so gestaltet, dass sie systematisch Resilienz fördern.
Was sind die vier Ebenen des Setting-Ansatzes?
Die vier Ebenen sind: (1) Kind/Jugendlicher, individuelle Kompetenzförderung; (2) Fachkräfte, Haltung und Qualifikation; (3) Institution, Organisationskultur und Strukturen; (4) Sozialraum, Vernetzung mit Familie und Gemeinwesen.
Was unterscheidet den Setting-Ansatz von klassischen Förderprogrammen?
Klassische Programme zielen auf das Kind als Zielgruppe. Der Setting-Ansatz gestaltet das gesamte Umfeld, und wirkt damit nachhaltiger, weil Resilienzförderung in den Alltag integriert statt als separates Programm durchgeführt wird.
Gibt es evaluierte Setting-Programme für Kitas?
Ja. Das Programm 'Resilienz fördern, Wohlbefinden stärken' (ReWiKs) nach Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse ist eines der am besten evaluierten deutschsprachigen Kita-Programme, das den Setting-Ansatz konsequent umsetzt.

Quellen & Literatur

Fröhlich-Gildhoff, K. & Rönnau-Böse, M. (2019)

Resilienz (5. Aufl.)

Reinhardt

WHO (1986)

Ottawa Charter for Health Promotion

World Health Organization

Fröhlich-Gildhoff, K. et al. (2012)

Resilienzförderung im Alltag von Kindertageseinrichtungen

Evangelische Hochschule Freiburg

Bonsen, M. & Rolff, H.-G. (2006)

Professionelle Lerngemeinschaften in Schulen

Zeitschrift für Pädagogik, 52(2)

Ungar, M. (2012)

Social Ecologies and Their Contribution to Resilience

Springer

Bengel, J. & Lyssenko, L. (2012)

Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter

BZgA